Kosten & Nutzen
Anforderungs-Management für Applikationen zahlt sich aus!
von Ronny Wenzel
Das Anforderungs-Management (Requirements-Management) ist in Software-Projekten für einen Großteil des Entwicklungsaufwands verantwortlich. Eine Chance für Einsparungen? Nicht unbedingt. Die Zahlen zeigen deutlich, dass sich angemessene Investitionen in diesen Bereich auszahlen, um spätere Kostenexplosionen zu vermeiden.
In großen Softwareprojekten macht das Anforderungs-Management bis zu 20 Prozent der Entwicklungsaufwände aus. Mit dem systematischen und disziplinierten Ansatz zur Festlegung, Dokumentation, Pflege und Verfolgung werden die Requirements eines Softwareprojekts über dessen gesamten Lebenszyklus hinweg festgelegt, dokumentiert, gepflegt und verwaltet. Somit soll sichergestellt werden, dass die entwickelte Applikation die tatsächlichen Bedürfnisse der Nutzer sowie des Unternehmens erfüllt und die Projektziele erreicht werden. Ein gutes Anforderungs-Management bildet die Basis für eine erfolgreiche Softwareentwicklung und hilft, teure Nacharbeiten und Fehlentwicklungen zu vermeiden. Damit ist es ein kritischer Erfolgsfaktor für jedes Vorhaben.
Inzwischen zeigt sich immer häufiger, dass Unternehmen ihr Anforderungs-Management wegen der finanziellen Dimension auf den Prüfstand stellen. Dabei geht es um Antworten auf folgende Fragen:
1. Welchen marktüblichen Anteil hat das Anforderungs-Management am Gesamtaufwand eines Projekts für die Softwareentwicklung?
Beim Blick auf unsere Vergleichsdaten aus Benchmark-Projekten zeigt sich, dass marktübliche Werte für das Anforderungs-Management im Bereich von fünf bis 20 Prozent der gesamten Entwicklungsaufwände liegen. Der Mittelwert über die Daten im Metrics Data Lake beträgt 12,97 Prozent.
2. Welche Rolle spielt das Anforderungs-Management für den Erfolg von Software-Entwicklungsprojekten?
Ein stringentes Anforderungs-Management beeinflusst den Projekterfolg positiv. Dies bezieht sich auf die Erreichung von Projektzielen in den Perspektiven Qualität/Funktion, Zeit sowie Kosten/Budget.
3. Welche Effekte haben „zu wenig“ beziehungsweise „zu viel“ Anforderungs-Management?
Eine Analyse der Datenbasis zeigt, dass ein vergleichsweise geringer Anteil für das Anforderungs-Management mit hohen Testaufwänden einhergeht. Es ist also grundsätzlich ratsam, nicht am falschen Ende zu sparen, um teure Missverständnisse zu vermeiden. Die vorliegenden Benchmark-Daten zeigen einen interessanten Zusammenhang: Je mehr Zeit in das Anforderungs-Management investiert wird, desto geringer fallen die späteren Testaufwände aus.
4. Gibt es „optimale Anteile“ für das Anforderungs-Management?
Sinkende Testaufwände: Projekte mit weniger als fünf Prozent Aufwand für die Anforderungsanalyse benötigen durchschnittlich knapp 39 Prozent ihrer Ressourcen für Tests. Dies deutet auf erhebliche Test-Wiederholungen hin. Bei Projekten mit einem Anforderungsanalyse-Anteil von mehr als 25 Prozent sinkt der Wert für Software-Testing dagegen auf unter 20 Prozent.
Effizienzgewinn bei Implementierung: Interessanterweise zeigt sich, dass Projekte mit sehr hohem Anteil für das Anforderungs-Management (30-35%) deutlich weniger Aufwand in der Implementierungsphase – durchschnittlich 17 Prozent – benötigen als der Durchschnitt über alle Projekte. Hier liegt der Implementierungsanteil bei 27 Prozent.
Optimaler Bereich: Die Daten deuten auf einen optimalen Bereich von 15 bis 25 Prozent Ausgaben für das Anforderungs-Management hin, bei dem die Gesamteffizienz des Projekts (Fokus auf Design- und Entwicklungsaktivitäten) am höchsten ist.
Diese Erkenntnisse führen zu konkreten Handlungsempfehlungen:
- Early Bird: Investitionen in die Frühphasen von Entwicklungsprojekten zahlen sich aus. Die Daten belegen eindeutig, dass eine frühzeitige Investition in präzise Anforderungen spätere, teurere Korrekturen sowie unnötige Iterationen vermeidet.
- Balancierter Ansatz: Zu wenig Anforderungsmanagement (weniger als 10 Prozent) führt in der Regel zu exzessiven Testaufwänden, während zu viel (mehr als 30 Prozent) möglicherweise nicht den optimalen Effizienzgrad bietet.
- Qualitätssicherung neu denken: Statt umfangreiche Testphasen einzuplanen, sollten Projektmanager erwägen, mehr Ressourcen in die Anforderungsphase zu investieren, um die Gesamtqualität zu verbessern. Gerade Konzepte wie Test-driven Development, bei denen Tests bereits im Rahmen der Anforderungsphase definiert werden, können hier zu Synergien führen.
- Anforderungsverfeinerung als kontinuierlicher Prozess: Auch in agilen Projekten sollte die kontinuierliche Verfeinerung von Anforderungen als kritische Aktivität betrachtet werden, nicht als optionaler Zusatz. Sonst ergibt sich das Risiko, dass das Projekt in einen Trial-and-Error-Modus verfällt.
Ein effektives Anforderungs-Management ist keine unnötige Bürokratie, sondern eine Form der Risikominimierung und eine Investition in den Projekterfolg. Denn die Kosten für Fehlerbehebung steigen exponentiell an, je später im Projektzyklus sie entdeckt werden. Unsere Vergleichsdaten aus Applikations-Benchmarks zeigen deutlich: Wer am Anfang sorgfältig plant und analysiert, spart am Ende Zeit, Geld und Ressourcen. Für die meisten Projekte – abhängig von den konkret zu entwickelnden Funktionalitäten – ist aus meiner Sicht ein Anteil des Anforderungs-Managements zwischen 15 und 25 Prozent der beste Kompromiss zwischen Präzision und Effizienz. Diese Erkenntnis sollte in die strategische Projektplanung einfließen, um nachhaltig erfolgreiche Applikationsprojekte zu gewährleisten.
Ronny Wenzel
Seine Leidenschaft für Software hat Ronny Wenzel zum Leiter der Application Management Practice bei Metrics gemacht. Ob es die Verrechnung von Applikationen, der Benchmark einer Software-Landschaft oder der Aufbau eines Servicekatalogs ist: Mit langjähriger Expertise und Hands-on-Mentalität ist er zur Stelle.